Von klein auf werden wir bewertet. Wir erhalten Stempel von Eltern, Lehrern, Partnern, Kunden oder anderen Menschen. Jeder glaubt, uns mit Noten, Worten oder Sternen beurteilen zu können – obwohl man uns oft gar nicht wirklich kennt.
Doch noch schlimmer ist etwas anderes: Wir lernen dadurch, uns selbst ständig zu bewerten und zu verurteilen. Dem Idealbild, dem wir entsprechen sollen oder wollen, können wir nämlich nie vollständig gerecht werden.
Viele Menschen mit traumatischen Erfahrungen denken permanent darüber nach, wie andere über sie urteilen könnten. Sie bemühen sich, sich möglichst „richtig“ zu verhalten, damit andere ein gutes Bild von ihnen haben. Sie versuchen ständig, sich zu verbessern.
Dabei merken sie gar nicht, dass sie bereits gut genug sind – sie haben nur alte Muster aus der Kindheit übernommen.
Denn wer sich immer „richtig“ verhalten möchte, beginnt automatisch, sich selbst und andere ständig zu bewerten.
Wenn Bewertung zur Gewohnheit wird
Ich habe Patientinnen, die nur entspannen können, wenn sie sicher sind, dass wirklich die gesamte Wohnung perfekt sauber ist.
Doch selbst dann entdecken sie immer wieder eine Stelle oder einen Schrank, der noch nicht gewischt wurde.
Am Ende fallen sie todmüde ins Bett – wohl wissend, dass sie auch morgen ihr Ziel kaum erreichen werden.
Hinter diesem Verhalten stehen meist tief verankerte Glaubenssätze, zum Beispiel:
Diese inneren Regeln verfolgen uns oft ein Leben lang.
Warum wir andere bewerten
Glaubenssätze haben einen Zweck: Sie halten uns klein und bringen uns dazu, uns mit anderen zu vergleichen.
Wenn jemand glaubt: „Ich bin nur richtig, wenn alles sauber ist“, dann wird diese Person schnell jemanden finden, bei dem es unordentlicher aussieht.
Plötzlich entsteht der Gedanke: „Bei mir ist es wenigstens sauberer.“ Oder man denkt sogar schlecht über andere, nur um sich selbst besser zu fühlen.
Das bedeutet: Wenn wir andere abwerten, dient das oft unserem eigenen Selbstwertgefühl.
Bewertungen bestimmen unseren Alltag
Fragen Sie sich einmal:
Viele Menschen können Lob oder freundliche Worte kaum annehmen. Sie relativieren oder entwerten sie sofort.
Doch jede Bewertung – ob ausgesprochen oder nur gedacht – ist letztlich eine Aussage über uns selbst. Denn sie beeinflusst unser eigenes Selbstwertgefühl.
Wege, um Bewertungsmuster loszulassen
Gedankenstopp
Wenn Sie merken, dass Sie sich in negativen Gedanken verlieren, sagen Sie bewusst zu sich: „Stopp. Ich höre jetzt auf, darüber nachzudenken.“
Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit aktiv um:
Zum Beispiel: „Ich sitze hier und tippe. Ich spüre die Tasten unter meinen Fingern und sehe, wie Buchstaben entstehen.“ Oft geraten wir gerade bei Routinetätigkeiten in Gedankenspiralen.
Selbstmitgefühl entwickeln
Wir haben gelernt, anderen Mitgefühl zu zeigen. Doch kaum jemand hat gelernt, sich selbst Mitgefühl zu schenken. Versuchen Sie einmal innerlich zu sagen: „Ich sehe mich. Ich sehe, wie schwer diese Situation gerade für mich ist.“ Nehmen Sie eine Beobachterposition ein – als stünde ein guter Freund neben Ihnen. Fragen Sie sich: „Wie würde ich mit mir sprechen, wenn ich mein bester Freund wäre?“
Glaubenssätze erkennen und verändern
In der Pubertät stellen wir viele Regeln unserer Eltern infrage. Doch die negativen Etiketten, die wir über uns gelernt haben, hinterfragen wir oft nie. Sätze wie:
Diese inneren Schubladen begleiten uns oft bis ins Erwachsenenleben. Doch heute dürfen Sie entscheiden: Sie dürfen diese Schubladen verlassen.
Situationen radikal akzeptieren
Vielleicht stellen Sie fest:
Dann kann radikale Akzeptanz helfen: „Ja, so ist es. Und ich erkenne das jetzt an.“ Akzeptanz bedeutet nicht aufzugeben – sondern die Realität anzunehmen.
Perfekt unperfekt sein
Erlauben Sie sich, unperfekt zu sein. Sie dürfen Fehler machen. Und andere dürfen ebenfalls Fehler machen. Vergessen Sie den ständigen Drang zur Selbstoptimierung.
Sich selbst akzeptieren
Hören Sie auf, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Viele Vergleiche entstehen durch äußeren Druck:
Doch Ihr Lebensweg muss nicht dem anderer Menschen entsprechen.
Atemübungen nutzen
Schon einfache Atemübungen können helfen, aus dem inneren Bewertungsdruck auszusteigen. Das klassische bis zehn zählen kann bereits entlasten. Wählen Sie eine Atemtechnik, die zu Ihnen passt – und üben Sie regelmäßig.
Bewertungen anderer relativieren
In unserer Zeit sind Bewertungen allgegenwärtig. Sterne auf Plattformen, Kommentare, Leistungsbeurteilungen. Doch früher gab es diese Systeme nicht – und trotzdem konnten Menschen Entscheidungen treffen. Versuchen Sie innerlich zu lächeln, wenn jemand glaubt, Sie bewerten zu müssen.
Professionelle Hilfe annehmen
Wenn Sie merken, dass Sie diese Muster alleine schwer durchbrechen können, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Perfekt unperfekt – das Mantra für mehr Gelassenheit
Alle diese Schritte können helfen, ruhiger und gelassener zu werden. Sie müssen sich nicht ständig über Ihre eigenen Fehler oder die der anderen aufregen.
Das Mantra: „Es ist, wie es ist.“ bedeutet nicht Gleichgültigkeit oder Aufgeben. Es bedeutet, sich selbst und andere so anzunehmen, wie sie gerade sind: perfekt unperfekt.
Denn genau das macht uns aus: Menschen aus Fleisch und Blut – mit Fehlern, Gefühlen, Leidenschaft und Schöpferkraft.

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